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Die Zeit

 
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Kamimaze



Anmeldedatum: 31.07.2007
Beiträge: 741
Wohnort: Dresden

BeitragVerfasst am: Mi 12 Sep, 2007 16:38    Titel: Die Zeit

Alter, aber sehr guter Leserkommentar aus der "Zeit"-online vom 05.07.2007:

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Fall Marco W.

er Fall Marco W spielt sich auf unterschiedlichen Ebenen ab, was die Sache erschwert. Einmal ist da die juristische Ebene, die den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs untersucht, dann sind da die politischen Spannungen zweier Kulturen und zudem der eigene neurotische Umgang Erwachsener gegenüber der Sexualität der nachkommenden noch jugendlichen Generation.

Strafrechtlich gesehen wird die Beweislage schwierig werden. Die Mutter des Mädchens wird erklären müssen, wo sie zur Zeit war als ihre Tochter mit dem Jungen zusammen im Bett lag. Kam sie ihrer Aufsichtspflicht ordnungsgemäß nach? Was hat sie gesehen und gewußt? Konnte sie den vorgeblichen sexuellen Kontakt der beiden verhindern? Wenn die Mutter nichts wußte, dann stehen sich die beiden Aussagen der Jugendlichen gegenüber. Entscheidend wird hierbei sein, ob nachgewiesen werden kann, dass der Junge Gewalt angewandt hatte, um das Mädchen zu sexuellen Akten zu zwingen. Spermaspuren auf ihrem Körper implizieren noch keinen Gewaltgebrauch, sondern es kann sich auch um den gewollt sexuellen Austausch handeln. Die Tatsache, dass das Mädchen 13 Jahre zur Zeit der Tat war, wirft die Frage auf, inwieweit der Junge sich vom Alter seiner Partnerin überzeugen hätten müssen. Kurz: handelt es sich um den Austausch jugendlicher Zärtlichkeiten oder um ein Sexualgewaltdelikt? Das bloße Verdachtsmoment reicht allerdings nicht aus, um den Jungen zu einem Sexualstraftäter abzustempeln, allerdings zwingt dieser Verdacht die Behörden zum Einschreiten. Es wäre jedoch ein humaner Schritt in der Abwicklung des Prozesses, dass der Junge den deutschen Behörden überstellt würde. Es handelt sich schließlich nicht um einen Schwerstkriminellen, bei dem Fluchtgefahr besteht.

Nicht außer Acht lassen darf man den Einfluß der Mutter auf die Aussage ihrer Tochter. Die Mutter wurde selbst als "gläubige" Frau beschrieben und es ist sehr wohl möglich, dass die Tochter sich mit dem Jungen zu sexuellen Handlungen hat hinreißen lassen (was normal ist für Jugendliche). Möglich ist auch, dass die Mutter ihre Tochter später zur Rede gestellt hat und sie zu einem Geständnis gezwungen hat, indem das Mädchen den Jungen aus Angst belastet hat. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die Aussagen des Mädchens durch den moralischen Druck der Mutter deformiert wurden und von den beiden Jugendlichen mehr oder weniger widersprüchliche Aussagen zu erwarten sind.

Der Aufruhr, den ein solcher Fall allerdings heraufbeschwört, zeigt wie unreif Erwachsene mit der Sexualität Jugendlicher umgehen und in welche Verlegenheit sie kommen, wenn Jugendliche davon sprechen oder es einfach schamlos tun. Nicht Marco W. steht vor Gericht, sondern die Sexualität selbst. Welche Flut von Prozessen würde über die Gerichte hereinbrechen, wenn jede Mutter oder Vater die ersten sexuellen Erfahrungen ihrer pubertierenden Kinder vor den Richter ziehen? Banalisiert man also den Fall, wenn man sagt, dass die Mutter des Mädchens exzessiv reagiert hat oder hätte jede Mutter so gehandelt?
Ist es nicht auch möglich, dass der Fall des Marco W. das gehemmt verstörte Verhältnis einer ganzen Gesellschaft aufdeckt? Die türkische Justiz spielt hier leider eine sekundäre Rolle und ist gegen ihren Willen in rechtsstaatliche Zwangshaft genommen.

Fest steht, dass sowohl Marco W. als auch das Mädchen die psychologisch Leidtragenden sind. Inwieweit das Mädchen Opfer ist lässt sich wahrscheinlich nicht nachweisen. Auf jeden Fall ist sie es in den Augen ihrer Mutter, aus welchen Gründen auch immer. Sollte es sich wirklich nur um eine sexuelle Spielerei gehandelt haben, so wäre der psychische Schaden auf die sexuelle Entwicklung des Mädchens, weitaus größer als diese erste sexuelle Erfahrung einer Jugendlichen. Es handelt sich nicht um den brutalen Akt einer Vergewaltigung. Soweit stimmen die beiden Aussagen überein. Wo liegt genau das zu bestrafende Verbrechen? Beide Kinder, das eine 13, das andere 17, müssen nun vor Gericht ihre intimen Momente öffentlich vor Richtern breittreten. Darin liegt im wahrsten Sinne das Verbrechen: in dem öffentlichen Prozess, der die intime Sphäre zweier Jugendlicher obszön zur Schau stellt. Die Mutter des Mädchens möchte - vielleicht aus religiösen Überzeugungen - in ihrer Tochter ein Opfer sehen, das sexuell missbraucht wurde und vielleicht will sie dadurch das, was zwischen den beiden Jugendlichen geschehen ist, als Verbrechen markieren. Am Pranger steht hier die sich entwickelnde Sexualität eines 13jährigen Mädchens, die vielleicht ihre ersten Erfahrungen mit einem Jungen gemacht hat. Implizit ist es aber nicht nur die Sexualität der Jugendlichen, die hier am Pranger steht, sondern auch die verdrängte Sexualität der Mutter, die im Akt der Tochter (es sei dahingestellt wie die intime Situation sich in Wirklichkeit dargestellt hat) ihre eigene Gehemmtheit in Frage gestellt sieht.

Doch auch wenn man die eventuell religiös motivierten Gefühle der Mutter respektiert und den Akt des Jugendlichen Marco W. als sexuellen Übergriff bezeichnen will, es steht in keinem Verhältnis wie dieser Fall abgewickelt wird. Ein solcher Fall gehört, wenn überhaupt, vor einen Familienrichter ohne Presse und ohne Dämonisierung eines 17jährigen Jungen in der Öffentlichkeit.
Der Fall des Marco W. zeigt jedoch eines, dass Sexualität immer noch ein Tabuthema ist und ein Feld, in dem vor allem sich die sogenannten Erwachsenen moralische Schlachten liefern.
Das Strafmaß, das Marco W im schlimmsten Falle erwarten kann, lässt einen erschaudern, besonders, wenn man es mit dem von "Ehrenmorden" (die oft von Jugendlichen im Namen der Familie verübt werden) oder anderen Gewaltverbrechen von Jugendlichen vergleicht.

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Quelle: http://kommentare.zeit.de/commentsection/url/online/2007/26/tuerkei-marco-interview#comment-62876
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Heidi



Anmeldedatum: 14.08.2007
Beiträge: 87
Wohnort: Düsseldorf

BeitragVerfasst am: Mi 12 Sep, 2007 16:59    Titel:

Hallo Kamimaze,

ich habe diesen Kommentar auch schon vor langer Zeit gelesen und er ist wirklich absolut treffend in allen Punkten.
Es ist sehr schlimm, was Erwachsene an Heranwachsenden kaputt machen können.

Grüße Heidi
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